Zuletzt aktualisiert am:
19.08.2026
Die Geschichte
Manche Begegnungen verändern einen für immer. Diese hier begann mit einem alten Moped in einer staubigen Scheune – und endete mit einer Freundschaft, die selbst den Tod überdauert.
Klaus Jürgen Herbst mit seiner restaurierten Zündapp Combinette 428 –
ein bleibendes Bild eines Mannes, der mit seinen Händen Geschichte bewahrt hat.
Der Fund
Es war ein grauer Novembertag im Jahr 2006, als Klaus Jürgen Herbst – ein alter Freund und begnadeter Schrauber – mich anrief. Seine Stimme klang seltsam aufgeregt: „Dieter, du musst dir das ansehen. In einer Scheune bei Bad Kissingen steht eine Combinette. Baujahr 1959. Type 428. Sie ist... nun ja, sie ist in einem Zustand. Aber sie ist noch da."
Ich kannte Klaus schon lange. Wir teilten die Leidenschaft für alte Maschinen, für den Geruch von Öl und Benzin, für das Klicken von Werkzeug und das Summen eines perfekt eingestellten Zweitaktmotors. Als ich am nächsten Morgen in der Scheune stand, verstand ich sofort, was ihn so aufgeregt hatte.
Da stand sie. Die Zündapp Combinette 428. Über 47 Jahre alt. Verstaubt, mit platten Reifen, aber – und das war das Wunder – vollständig. Der Rahmen war nicht durchgerostet. Der Motor war nicht fest. Der Tank hatte kein Loch. Es war, als hätte jemand sie einfach abgestellt und vergessen, dass die Zeit weiterging.
Die Entscheidung
Wir saßen später bei einem Kaffee zusammen und redeten. Der Besitzer, ein älterer Herr, wollte das Moped loswerden. Er hatte es vor Jahrzehnten von seinem Vater geerbt, aber nie die Zeit oder das Geld gehabt, es zu restaurieren. „Machen Sie was Schönes draus", sagte er. „Mein Vater würde sich freuen."
Klaus sah mich an. Ich sah Klaus an. Wir mussten nicht viel sagen. Beide wussten wir: Dieses Moped verdient eine zweite Chance. Es verdient, wieder zu leben.
„Ein altes Moped zu restaurieren ist nicht nur Handwerk. Es ist ein Versprechen an die Vergangenheit – und ein Geschenk an die Zukunft."
Die Herausforderung
Was dann folgte, waren Monate intensiver Arbeit. Klaus nahm das Moped komplett auseinander. Jedes Teil wurde gereinigt, geprüft, fotografiert. Manche Teile waren noch zu retten. Andere mussten ersetzt werden – aber nur durch Originalteile. Klaus war da kompromisslos. „Wenn wir das machen, dann richtig. Sonst lassen wir es lieber."
Die Suche nach manchen Teilen war abenteuerlich. Monate vergingen, bis wir einen Zündapp-Sammler in Süddeutschland fanden, der noch originale Combinette-Teile hatte. Ein anderer Kontakt führte zu einem ehemaligen Zündapp-Mechaniker, der noch alte Werkstatthandbücher besaß. Jede Kleinigkeit zählte: die richtigen Schrauben, die korrekte Lackmischung, der originale Sattelbezug.
Ich habe diese ganze Zeit mit meiner Kamera dokumentiert. Jeden Arbeitsschritt. Jeden Fortschritt. Jeden kleinen Sieg, wenn ein Teil wieder zum Leben erwachte.
Der Moment, als sie ansprang
Es gibt einen Moment, den ich nie vergessen werde. Es war spät abends in Klaus' Werkstatt. Der Motor war wieder zusammengebaut. Der Vergaser eingestellt. Die Zündung justiert. Klaus trat das Pedal – einmal, zweimal, dreimal.
Und dann: Puff-puff-puff-puff.
Der alte Zweitakter erwachte. Nach fast 50 Jahren Stille. Der Klang war rau, ehrlich, lebendig. Klaus grinste wie ein Kind. Ich stand daneben und spürte, wie mir die Tränen kamen. Wir hatten es geschafft. Wir hatten ein Stück Geschichte zurückgeholt.
Das fertige Meisterwerk
Als die Combinette schließlich fertig war, stand sie da wie neu. Der Lack glänzte. Das Chrom strahlte. Jeder Handgriff, jede Schraube, jede Naht am Sattel – alles war perfekt. Klaus hatte Monate an diesem einen Moped gearbeitet. Es war sein Meisterstück.
Ich habe sie dann fotografiert. Von vorne, von hinten, von oben, von jeder Seite. Jedes Detail. Weil ich wusste: Dieses Moped ist nicht nur eine Maschine. Es ist ein Zeitzeuge. Es ist ein Stück deutscher Geschichte. Es ist ein Beweis dafür, dass Liebe und Geduld Dinge erschaffen können, die bleiben.
Fotografie: Dieter Karl Schenk
Der erste Abschied
Irgendwann kamen die Anfragen. Zuerst vereinzelt, dann immer mehr. Menschen, die das Moped sehen wollten. Menschen, die es kaufen wollten. Klaus und ich haben lange darüber geredet. Irgendwann wussten wir: Dieses Moped gehört nicht uns. Es gehört jemandem, der es jeden Tag fahren wird. Jemandem, der die Geschichte weiterträgt.
Wir fanden einen Enthusiasten. Einen Sammler, der verstand, was dieses Moped bedeutet. Er hat es nicht in eine Vitrine gestellt – er fährt es. Bei schönem Wetter, auf Landstraßen, mit Wind im Gesicht. Genau so, wie es vor über 60 Jahren gedacht war.
Der letzte Abschied
Es gibt Geschichten, die enden anders, als man es sich gewünscht hätte. Unsere Geschichte mit der Zündapp Combinette – unsere Geschichte als Freunde – fand ihr letztes Kapitel an einem Tag, an dem die Welt stillzustehen schien.
2. Dezember 2022
An diesem Tag ging eine Reise zu Ende, die für immer in unseren Herzen weiterleben wird. Klaus Jürgen Herbst – der Mann, der mit seinen Händen fast vergessene Geschichte zurück ins Leben geholt hat, der mit unendlicher Geduld und Liebe jedes Teil dieser Combinette berührt hat – ist für immer von uns gegangen.
Das Moped lebt weiter. Die Fotos leben weiter. Diese Webseite lebt weiter. Aber der Mann, der all das mit seiner Leidenschaft, seinem Lachen und seiner Handschrift geprägt hat, ist nicht mehr da.
Manche Dinge enden auf dieser Welt – doch im Gedanken leben sie für immer weiter. In jedem Klick des Zweitakters, in jedem Foto, in jeder Erinnerung an lange Abende in der Werkstatt, an den Geruch von Benzin und an das Lächeln eines Mannes, der einfach nur schöne Dinge machen wollte.
Klaus Jürgen Herbst
in lieber Erinnerung
Was bleibt
Diese Webseite ist das, was bleibt. Die Fotos. Die Geschichten. Das Video, in dem Klaus noch einmal lebt – mit seiner Combinette, in seinem Element. Die Erinnerungen an lange Abende in der Werkstatt, an das Klicken von Werkzeug, an den Geruch von Benzin und an das Lächeln eines Mannes, der ein fast vergessenes Stück deutscher Ingenieurskunst zurück ins Leben geholt hat.
Die Zündapp Combinette 428 ist mehr als ein Moped. Sie ist ein Symbol. Für Freundschaft. Für Leidenschaft. Für die Idee, dass man Dinge bewahren kann, wenn man sie nur liebt genug.
Und sie ist ein Versprechen: Solange diese Seite existiert, solange jemand das Video abspielt und den Motor hören kann, solange lebt Klaus ein kleines Stück weiter. In dem, was er geschaffen hat. In dem, was er geliebt hat. In dem, was er war.
Dieter Karl Schenk
im Gedenken an unseren Freund Klaus
Tipps & Hinweise